Amel Lariani - holy shit! ganz oder gar nicht
Blog,  Psychologie

Überforderung mit der Selbstliebe

„Du kannst nur jeman­den lie­ben, wenn du dich selbst liebst.“ Die­ser Satz ist allen­falls taug­lich als seich­tes Zitat für die sozia­len Medi­en, jedoch nicht wirk­lich als Anlei­tung für ein erfüll­tes Leben oder eine glück­li­che Part­ner­schaft. Selbst­lie­be an Bedin­gun­gen zu knüp­fen, als not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung, um jeman­den zu lie­ben, schmeckt wie scha­ler Sekt. Die­ser Hype um das The­ma Selbst­lie­be ist mir zu abs­trakt, nicht grif­fig genug. Lie­be und auch Selbst­lie­be haben kei­nen Schal­ter, mit dem man sie nach Belie­ben ein- und aus­stellt, hoch und run­ter­re­gu­liert. Wenn man wüss­te, wie das mit dem sich selbst lie­ben geht, dann wür­de es jeder tun. Den meis­ten Men­schen fällt es leich­ter jemand ande­ren zu lie­ben als sich selbst. Wie auch immer man sei­ne Lie­be aus­drückt und wel­che Erfah­run­gen damit ein­her­ge­hen, ist sub­jek­tiv. Für die Lie­be gibt es kei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Defi­ni­ti­on und kei­nen Leitfaden.

Mei­ne Art zu lie­ben hat meh­re­re Ent­wick­lungs­sta­di­en durch­lebt und hat sich dabei mehr­fach trans­for­miert. Es gab gewiss Zei­ten, in denen ich nicht spar­sam mit mei­nen Erwar­tun­gen an die Lie­be war. Ich hat­te eine Vor­stel­lung davon, wie Lie­be aus­zu­se­hen hat­te, um Lie­be zu sein. Spit­zen­rei­ter waren kon­kre­te Vor­stel­lun­gen, wie sich jemand zu ver­hal­ten hat­te, um mei­ner Lie­be gerecht zu wer­den. Ich muss gera­de schmun­zeln und zeit­gleich schau­dert es mich bei den vie­len Bil­dern mit­tel­schwe­rer Dra­men, die sich gera­de vor mei­nem inne­ren Auge abspu­len. Wenn mir etwas gegen den Strich ging, habe ich von der Pole­po­si­ti­on aus ver­bal Gas gege­ben. Noch heu­te höre ich die­sen einen Satz, der mich über 40 Jah­re beglei­tet hat: „Du kannst im Streit so anstren­gend sein.“

Mit mei­ner eige­nen Ent­wick­lung wur­de mei­ne Lie­be immer frei­er von Bedin­gun­gen. Wenn ich so recht über­le­ge, hat die­se Art zu lie­ben in Wech­sel­wir­kung mit mei­nen Kun­den begon­nen. Über die Jah­re habe ich eine Hal­tung ent­wi­ckelt, die von bedin­gungs­lo­ser Annah­me geprägt war. Zuerst ist mir das bei mei­nen Kun­den und Freun­den gelun­gen, da war es zuge­ge­be­ner­ma­ßen auch ein­fa­cher. Jeman­dem das Gefühl zu geben, gut zu sein, egal wie die Per­son sich ver­hält, fiel mir nicht schwer, so lan­ge sie nicht mit mir unter einem Dach wohn­te oder den glei­chen Nach­na­men trug wie ich. Im nächs­ten Schritt schaff­te ich es, die Lie­be zu mei­nem Sohn von allen Bedin­gun­gen und Erwar­tun­gen zu lösen. Mut­ter­lie­be ist etwas tri­cky, schließ­lich wol­len Eltern das Bes­te für ihre Kin­der. Als sich „das Bes­te“ als eine Mani­fes­ta­ti­on mei­ner urei­ge­nen Ängs­te ent­larv­te, war ich ganz klein­laut und such­te das klä­ren­de Gespräch mit ihm. Ich kann mich an die­sen Tag erin­nern als wäre es ges­tern gewe­sen. Er war sech­zehn Jah­re alt. Wir saßen an einem lau­en Som­mer­abend auf unse­rer Ter­ras­se. An dem Abend habe ich ihm gestan­den, dass mei­ne Ängs­te mein Ver­hal­ten unbe­wusst gesteu­ert haben.

Die­ses stän­di­ge dar­an erin­nern, dass er sein Poten­ti­al bes­ser nut­zen kann, Vor­schlä­ge zu machen, wie er sich selbst bes­ser struk­tu­rie­ren kann und auch mei­ne emo­ti­ons­fle­xi­blen Aus­ras­ter, wenn ich am Ende mei­nes Lateins war: Das waren alles Mani­fes­ta­tio­nen mei­ner Angst. Trä­nen lie­fen mir die Wan­gen run­ter, als ich ihm ver­si­cher­te, dass ich ihm ver­traue und er ab jetzt Ent­schei­dun­gen mit­samt aller Kon­se­quen­zen selbst tref­fen soll. Es war ein sehr ergrei­fen­der Moment, weil mir bewusst wur­de, dass ich ihn nicht bedin­gungs­los lieb­te und vor allem mei­ner Erzie­hung nicht ver­trau­te. Ver­trau­en wächst nicht aus der Angst her­aus, der Angst um jeman­den oder der Angst vor Ableh­nung. Ver­trau­en ist die Basis bedin­gungs­lo­ser Lie­be. Dabei war genau das mei­ne Stär­ke. Ver­trau­ens­vol­le Atmo­sphä­ren in weni­gen Minu­ten zu schaf­fen, in der sich Men­schen öffnen.

Je bedin­gungs­lo­ser ich lieb­te, umso häu­fi­ger wur­de ich mit dem Selbst­bild mei­nes Umfel­des kon­fron­tiert. Wer sich selbst nicht rich­tig liebt, dem kann es schwer­fal­len, zu akzep­tie­ren, von jemand ande­rem bedin­gungs­los geliebt zu wer­den. Ich hat­te eine Freun­din, die in einem behü­te­ten Eltern­haus auf­ge­wach­sen ist. Die Ehe ihrer Eltern könn­te als Vor­la­ge für eine Hol­ly­wood Roman­ze die­nen. Eine sehr inni­ge und warm­her­zi­ge Part­ner­schaft, in der mei­ne Freun­din als Ein­zel­kind auf­ge­wach­sen ist. Mit so einem ide­al als Vor­bild hat­te sie es schwer in Part­ner­schaf­ten. Sie fiel häu­fig auf Män­ner rein, die ihr die gro­ße Lie­be ver­spra­chen und nach weni­gen Wochen ent­pupp­te sich der Mär­chen­prinz als Frosch. Dar­auf­hin saß sie trä­nen­über­strömt vor mir, wäh­rend ich mei­ne Auf­bau­rol­le ein­nahm. So ging das über vie­le Jah­re hin­weg bis zu die­sem einen Tag. Die­ses Mal war es ein Typ, der ent­schie­den zu weit gegan­gen ist. Sie hat es sogar akzep­tiert, dass er noch eine ande­re Part­ne­rin hat­te. Doch das war nicht Mal der Tief­punkt für sie. Nein, sie war auf einer Par­ty, wo er unver­hoh­len mit einer jun­gen Frau flir­te­te und abblitz­te. Jeder hat das mit­be­kom­men. Sie arbei­te­ten bei­de im glei­chen Unter­neh­men und natür­lich waren auch wei­te­re Kol­le­gen auf die­ser Par­ty. Obwohl sie das mit­be­kom­men hat­te, war­te­te sie auf ihn und nahm ihn dann sturz­be­trun­ken mit zu sich nach Hau­se. Sie bat mich, nein sie fleh­te mich an, mit ihm zu reden. Natür­lich misch­te ich mich ein, weil ich es nicht mehr ertra­gen konn­te, sie lei­den zu sehen. An die­sem besag­ten Tag unter­stell­te sie mir, dass ich ihr nicht gön­ne wür­de, glück­lich zu sein. Schließ­lich hät­te ich die Bezie­hung zwi­schen ihr und die­ser Krö­te zer­stört. Mir blie­ben ihre Wor­te im Hals ste­cken als ich nach Luft rang. Was ich danach sag­te, weiß ich nicht mehr im genau­en Wort­laut. Es war jedoch laut, dar­an erin­ne­re ich mich. Es war unmiss­ver­ständ­lich, auch dar­an erin­ne­re ich mich. Sinn­ge­mäß sag­te ich, dass sie ein Opfer­lamm für ihre Unfä­hig­keit, sich selbst zu lie­ben, braucht und ich nicht mehr bereit bin, dafür her­zu­hal­ten. Mit die­ser Erkennt­nis war die Freund­schaft nach Jah­ren bedin­gungs­los been­det. Ja, das mit der Selbst­lie­be ist gar nicht so ein­fach, wenn man das Gefühl hat, nicht lie­bens­wert zu sein.

Mei­ne schöns­te Begeg­nung mit der Selbst­lie­be hat­te ich mit mei­nem jet­zi­gen Lebens­part­ner. Über die Jah­re habe ich gelernt, mei­ne Schat­ten­sei­ten immer mehr anzu­neh­men und gut zu mir zu sein. Den­noch tre­ten alt bekann­te Ver­hal­tens­mus­ter in den engs­ten mensch­li­chen Bezie­hun­gen wie­der zu Tage. Es war unge­fähr vor drei­ein­halb Jah­ren. Wir kann­ten uns erst weni­ge Wochen. Er tex­te­te mir, dass er bei sei­nen Eltern zu Besuch sei und sich ger­ne sei­nem Vater wid­men wür­de. Die Zei­len ergrif­fen mein Herz wie die Pran­ken einer Raub­kat­ze und hiel­ten es fest zwi­schen ihren Kral­len ein­ge­klemmt. Ich ging direkt in Angriffs­hal­tung, mei­ne Sin­ne bene­belt vom Rot­wein, und fuhr mei­ne Pran­ken aus. Es spul­te sich auto­ma­tisch ab und ich mit­ten­drin im Spiel der Erwach­se­nen „Tritt mich!“ Das bedeu­tet, dass ich mei­ne Part­ner, aus Angst sie könn­ten mich ver­las­sen, pro­vo­zie­re, bis sie mich „tre­ten.“ In die­sem Fall mach­te er sei­nen Miss­mut deut­lich klar und schal­te­te sein Han­dy aus. Getre­ten wie ein Hund kau­er­te ich mich auf dem Sofa zusam­men und schlief schluch­zend ein. Am nächs­ten Mor­gen erwach­te mein Schuld­ge­fühl, noch bevor ich die Augen öff­ne­te. Was hat­te ich nur gemacht, dabei lief es so gut zwi­schen uns. Da war sie wie­der, die anstren­gen­de Amel. Mein Blick fiel auf mein Han­dy, das mich stra­fend anschwieg. Es war aus, bevor es über­haupt rich­tig ange­fan­gen hat­te. Neeeeein, ich ver­grub mei­nen Kopf im Kis­sen und ergab mich mei­nem Selbst­mit­leid. Nach ein paar Stun­den der Selbst­vor­wür­fe hat­te ich end­lich den Schneid, eine Sprach­nach­richt zu ver­fas­sen, in der ich mein Mus­ter offen­leg­te. Nach­dem ich die Nach­richt ver­sen­det hat­te, schal­te­te ich sofort mein Smart­pho­ne aus. Nach einer gefühl­ten Ewig­keit, es waren unge­fähr zwan­zig Minu­ten, schal­te­te ich es hoff­nungs­voll wie­der ein. Nichts, also wie­der­hol­te ich das Pro­ze­de­re mehr­mals hin­ter­ein­an­der. Total hirn­ris­si­ge Akti­on. Im Nach­hin­ein scheint die Son­ne immer kla­rer. Ich hielt das Smart­pho­ne gera­de in der Hand, da klin­gel­te es schrill in mein Ohr. Mein Herz mach­te einen Angst­sprung mit­ten in mei­ne Hose. Zag­haft ging ich ran. Ein Lachen ver­zerr­te mein kom­plet­tes Bild. Damit hat­te ich gar nicht gerech­net. Gut gelaunt begrüß­te mich mein Part­ner und mein­te: „Ach Baby, das habe ich längst ver­ges­sen. Du bist halt mei­ne tem­pe­ra­ment­vol­le, cra­zy Chi­ca. Ich kann nicht erwar­ten, dass du im Bett lei­den­schaft­lich bist aber bei Dis­kus­sio­nen sach­lich agierst. Das gehört zu dir und ich lie­be dich wie du bist.“ Ent­zau­bert! Alles, was ich ein­fach so ange­nom­men hat­te. Alles, was ich mir über die Jah­re zu Her­zen genom­men hat­te. All die­se Schuld­ge­füh­le. Ein­fach in zwei Sät­zen entzaubert.

Ich erle­be zum ers­ten Mal in einer Lie­bes­be­zie­hung, wie es ist, bedin­gungs­los ange­nom­men zu wer­den. Das hat es mir leicht gemacht, mich ganz zu öff­nen und The­men, die nicht in unse­rer Bezie­hung ent­stan­den sind, zu dis­ku­tie­ren. Ängs­te und tie­fe Sehn­süch­te aus­zu­spre­chen. Mein Selbst­bild wur­de nach und nach ent­zau­bert und zurecht­ge­rückt. Zu mir selbst zu fin­den, ohne dass Gepräg­tes mich über Schuld­ber­ge jag­te, war auf ein­mal ein­fach. Lie­be und Selbst­lie­be ent­wi­ckeln sich in Bezie­hun­gen zu ande­ren Men­schen. Sie ent­ste­hen nicht durch Tech­ni­ken, Affir­ma­tio­nen und Tro­cken­übun­gen. Von Kin­des­bei­nen an ler­nen wir, uns über die Augen ande­rer zu betrach­ten und zu bewer­ten. Ein Baby hat noch kein Selbst und wie es sich in Bezug zu sei­ner Umge­bung erlebt, ist maß­geb­lich für die Selbst­wahr­neh­mung und das Selbst­bild. Ach ja, da gibt es noch das Ide­al­bild, das beschreibt, wie man ger­ne wäre und nicht ist. Genau die­se Dif­fe­renz von „ich wäre ger­ne 10 kg schlan­ker, hät­te ger­ne glat­te­re Haa­re, eine fili­gra­ne Nase, wäre ger­ne schlau­er oder ein­fach dis­zi­pli­nier­ter.“, macht es schwer, uns selbst zu lie­ben. Die­ses Ide­al­bild ist durch­tränkt mit Annah­men, wie ande­re uns ger­ne hät­ten und steht immer dro­hend neben dem Selbstbild.

Selbst­bild und Selbst­lie­be wer­den im glei­chen Sud gegart. Wenn wir auf­hö­ren, uns etwas vor­zu­ma­chen und das Gefühl haben, ande­ren nichts mehr vor­ma­chen zu müs­sen, dann sind wir auf einem guten Weg. Es gibt für mich kein schö­ne­res Gefühl als die bedin­gungs­lo­se Annah­me, sie lässt mich und ande­re ganz wer­den. Sie ver­langt nicht, dass man sich ver­stellt, ver­steckt oder gar kon­di­tio­nie­ren lässt. Sie ver­langt kei­ne Beschö­ni­gun­gen und auch nicht, dass man immer lie­bens­wert ist. Sie ver­langt nur eins: Wahr­haf­tig­keit. Ich lie­be mich, nicht weil — ich lie­be mich, obwohl ich so bin, wie ich bin und genau­so ver­su­che ich, ande­re zu lie­ben. Nicht alle, bei man­chen fällt es mir schwe­rer als bei ande­ren. Und auch das ist gut so! Lie­be bedeu­tet nicht, dass sie immer gleich ist. Genau­so habe ich Zei­ten, da fällt es mir schwer, mich selbst aus­zu­hal­ten. Auch das habe ich gelernt anzu­neh­men und damit umzu­ge­hen. Kein Zustand währt ewig. Alles ent­wi­ckelt sich, wenn es Raum bekommt. Sitzt es fest zwi­schen Annah­men und Erwar­tun­gen, ist es erst Mal in sei­ner Ent­wick­lung blockiert.

 

 

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